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Uganda: Ein Weltbild gerät ins Wanken

Portrait von Alexander Fray

Von einem, der auszog die Welt zu verbessern

Alexander Fray war nach der Realschule mit der Deutschen Welthungerhilfe an einer technischen Berufsschule für benachteiligte Jugendliche im Westen Ugandas. Dabei ist sein Weltbild ganz schön ins Wanken geraten. Helfen wollte er in Uganda. Am Ende war er derjenige, der am meisten gelernt hat. Lies, wie er im Rückblick seinen Freiwilligendienst sieht.

Aufbruch nach Uganda

Wir schreiben den 06. August 2014. In sechs Tagen soll es schon losgehen. Hhhmmm, Afrika? Nein halt, Uganda! Mensch, ganz schön gewöhnungsbedürftig einzelne Länder auf diesem riesigen Kontinent bei ihrem Namen zu nennen, wo wir doch von klein auf immer nur von "Afrika" sprechen.

Ich hatte mich im Nachrückverfahren für den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst bei der Deutschen Welthungerhilfe beworben und bin schlussendlich genommen worden. Ich, der ich mit dem Bildungsgrad der Mittleren Reife und einer gebrochenen Mittelhand zum Auswahlworkshop gekommen war. Ich, der ich Afrika nur aus Dokumentationen, Erzählungen, Büchern, Zeitschriften und meiner Fantasie kenne.

Wirre Gedanken hatte ich nachts: was ich in Uganda wohl verändern und wem ich wie helfen kann. Ich stellte mir eine Stadt ohne asphaltierte Straßen vor, zerfallene Industriehallen, alte Autos, vereinzelt auf staubigen Straßen anzutreffen. Die Besetzung in meinem Kopfkino waren die „Schwarzen“, die ich von den bei uns vorherrschenden Bildern kannte. Kurzfassung: Junger, vergleichsweise gebildeter Deutscher kommt, um euch armen Menschen zu helfen und um die ihm durch die Kolonialgeschichte auferlegte Schuld abzutragen. Damals war mir nicht bewusst, wie weltfremd und rassistisch ich war.

Aus dem Helfer wird ein Lernender

Ein Windkraftrad entsteht.
Ein Windkraftrad entsteht.

Wir schreiben den 15. April 2015. Der Ingenieur Deo Baguma, der Schlosser Festo Amanyire, der Azubi Simon und ich sitzen auf einem wackeligen Holzgerüst in etwa acht Metern Höhe in der Mittagshitze. Wir basteln an einem Windrad weiter, dessen Bau begonnen wurde als ich frisch in Fort Portal, meiner neuen Heimatstadt in Uganda, angekommen war.

Poscho (Maisbrei), Matoke (Kochbanane) und Beans (Bohnensuppe), das tägliche Essen am St. Joseph‘s Technical Institute, liegen mir heute schwer im Magen. Ich habe Angst, da mein Weltbild kurz nach meiner Ankunft in Uganda in seine Einzelteile zerfallen war und sich erst langsam wieder neu zusammenzufügen begann.

Anfangs hatte ich innerlich zugemacht, als die Eindrücke mich überrollten. Dies tue ich nun nicht mehr. Dies ist auch der guten Begleitung durch Meike zu verdanken, die meine Entsendeorganisation uns Freiwilligen in Uganda als Mentorin zur Seite gestellt hat. Ich helfe Festo dabei, die verzinkten Rohre mit einem alten Elektrodenschweißgerät zu verbinden. Unter uns ein paar Schüler, die uns bei der Arbeit zusehen. Über uns ein kreisrunder Regenbogen und genau in der Mitte die Sonne. Faszinierend und schön. Das erste Mal, dass ich dergleichen sehe und für mich unerklärlich. Für Njakoscho Arali nicht. Er googelt das Naturphänomen und erklärt mir dessen Entstehung. Solche Regenbogen entstehen, wenn das Sonnenlicht auf Eiskristalle fällt und es in seine einzelnen Farben aufspaltet.

Und wieder ein Puzzleteil meines neuen Weltbildes, das sich in den rechten Platz einfügt. Ich bin hier derjenige, der am meisten von seinen Kollegen lernt: wie man ohne Werkzeuge improvisieren oder wie man Werkzeuge aus einfachen Mitteln selbst herstellen kann. Was weiß ich schon über Uganda? Nichts! Ich sehe rüber zu unserem Azubi Simon: ein Jahr jünger als ich, ohne Eltern aufgewachsen, aus ärmlichen Verhältnissen und unglaublich ehrgeizig. Ich empfinde tiefsten Respekt und Bewunderung. Es sollte eine tiefe Verbundenheit zwischen uns entstehen.

Rückkehr in ein fremdes Land

Durch seinen Freiwilligendienst konnte Alex Erfahrung im Schlosserhandwerk sammeln. Jetzt macht er eine Ausbildung in diesem Bereich.
Durch seinen Freiwilligendienst konnte Alex Erfahrung im Schlosserhandwerk sammeln. Jetzt macht er eine Ausbildung in diesem Bereich.

Wir schreiben den 11. Juli 2015. In weniger als vier Wochen breche ich auf in ein mir entfremdetes Land: Deutschland. Meine Nachbarin und Mitfreiwillige Nina ist eine Aktivistin des Vereins Viva Con Agua, sie hat mit jungen ugandischen Künstlern eine Straßenausstellung ins Leben gerufen. Ziel ist die Einwerbung von Spenden, Spenden aus Uganda für Uganda. Viva Con Agua ist ein Netzwerk von Menschen und Organisationen, das sich für den weltweiten menschenwürdigen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung einsetzt und Spenden für Wasserprojekte der Welthungerhilfe sammelt.

Die Kunstausstellung, auf der ich mich nun befinde, ist nicht die erste Aktion des Vereins. Die Bilder sind gesellschaftskritisch: ein See, in den giftige Abwässer geleitet werden, überall Plastiktüten und anderer Müll. Mitten im See steht ein junger Mann mit leerem Blick, bis zu seinen Schultern im Müll versunken. Sein Kinn ist auf seine rechte Hand gestützt, resigniert und verständnislos. Er scheint machtlos gegen die wachsende Verschmutzung, der er nicht länger auszuweichen vermag.

Ein anderes Bild ist nicht minder faszinierend: ein nächtlicher Brand im Busch - wie es scheint Brandrodung. Drei Gestalten stehen in sicherer Entfernung im hüfthohen Unterholz und betrachten ihr Werk. Links hinter ihnen manifestiert sich ein jugendliches Gesicht aus dem Walde und weint ob der Vernichtung. Ein Gesicht, das als Hilfeschrei der jungen Generation verstehen werden kann, die die verbrannte und misshandelte Erde erben wird.

Ich kaufe einen lokal produzierten Fußball, da mir für ein Gemälde das Geld fehlt und laufe runter zum Mpanga Market, um Reis und Gemüse zu besorgen. Gerade erst beginne ich grundlegende Dinge in Uganda zu verstehen, wie verschiedene Verhaltensregeln oder dass es nicht rassistisch oder abwertend gemeint ist, wenn man mit „Hey Weißer“, „Mechaniker“ oder „Bart“ angesprochen wird. Das sind lediglich kulturell bedingte Vergaben von Titeln, die mitunter auch Respekt ausdrücken. Und nun soll ich zurück nach Deutschland, um dieses mir fremd gewordene Land neu zu ergründen. Wieder habe ich Angst.

Gleiche Chancen für Alle!

Mit seinen Kollegen hat sich Alex gut verstanden.
Mit seinen Kollegen hat sich Alex gut verstanden.

Als ich versuche dem Kind einer Verkäuferin den soeben erworbenen Fußball zu schenken, begreift das Mädchen nicht, dass der Ball ein Geschenk ist. Sie sieht mich einen Moment ratlos an. Auch ich sehe sie an und frage mich, wie sich ihr Leben und das ihrer Mitmenschen wohl verändern würde, wenn sie in meinem Alter die Möglichkeit hätten, für ein Jahr nach Deutschland zu kommen und dort Lernerfahrungen zu sammeln, um die Welt auf ihre Weise zu verändern.

Fernab meiner Heimat begreife ich, dass wir Menschen nicht verschieden sind. Unsere Hautfarben mögen unterschiedlich sein, die Wege, auf denen wir unser Ziel erreichen, mögen variieren, doch sind unsere Träume, Ängste und Sorgen gleich. Das einzige, was uns häufig voneinander trennt, sind die Möglichkeiten und Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben, wie die Chance in ein anderes Land fahren zu können um zu lernen. Dieses Privileg haben nur wenige Menschen.

Meine Generation schuldet Afrika vielleicht keine Wiedergutmachung für die koloniale Vergangenheit, doch schulden wir den Menschen Respekt, Anerkennung und Gleichstellung. Wieso forcieren wir nicht den gegenseitigen Austausch unserer Kulturen und entlassen Afrika in seine Selbstbestimmung und Unabhängigkeit?